Mittwoch, 19. April 2017

Tote Hose in Palanga

Im Gegensatz zur vorletzten habe ich in der letzten Nacht ganz hervorragend geschlafen; hier auf dem Parkplatz vor dem Delfinarium herrschte eine absolute Ruhe, die erst ab ca. 7:30 Uhr durch ein paar Geräusche von einer in der Nähe gelegenen Baustelle gestört wurde. Das Wetter war zu dieser zeit hervorragend, wenn man 'mal die arktischen Temperaturen ausser acht ließ.

Auch beim Frühstück saß ich natürlich wieder in der "ersten Reihe" und genoss den bereits jetzt sehr regen Schiffsverkehr; hier, bei der Einfahrt in das Haff, scheint immer sehr viel los zu sein. Gleichzeitig musste ich allerdings auch überlegen, wie mein heutiges Programm aussehen sollte. Ich kam ziemlich schnell zu der Entscheidung, heute doch nicht mehr nach Nida zurückzufahren, obwohl ich mich auf diesen Ort und seine Umgebung eigentlich ganz besonders gefreut hatte.

Zum einen würde ich jetzt noch einmal 60 km fahren, um dorthin zu gelangen, wo ich gestern bereits war, zum anderen müsste ich aber schon heute Abend dann das vierte Mal die gleiche Strecke erneut  zurücklegen, denn ich konnte ja nicht davon ausgehen, dass ich im Gegensatz zu gestern mehr Glück bei der Suche nach einem Übernachtungsplatz gehabt hätte. Dazu kommt noch, dass ich die Gebühr für den Nationalpark ebenfalls zweimal hätte zahlen müssen!

Alles das gefiel mir überhaupt gar nicht, und da ich hier nur ungefähr 2 km von der kleinen Fähre, die mich wieder zurück auf's Festland bringen sollte, entfernt war, war die Sache endgültig klar! Nida und die Kurische Nehrung wollte ich zwar etwas ausgiebiger kennenlernen, aber immerhin war ich ja schon dort und bin die Strecke bereits zweimal gefahren. Da ich nicht genau wusste, wie ich mit meinen drei Wochen, an deren Ende ich wieder zuhause sein wollte, hinkommen würde, spielte ja auch der Zeitfaktor noch ein weitere Rolle!

Gesagt, getan! Nach dem Frühstück und dem Abwasch ging's zügig zur Fähre, auf die ich nur etwa 10 Minuten warten musste, und zurück auf's Festland! In dieser Richtung ist die Überfahrt glücklicherweise kostenlos, ansonsten hätte ich mich nun noch 'mal über die zusätzlichen 30 Euro geärgert; im schlimmsten Fall hätte ich also, den Nationalpark eingerechnet, insgesamt 90 Euro "zum Fenster hinausgeworfen"...!

Mein nächstes Ziel, nur etwa 40 km vom Delfinarium entfernt, war Palanga, ein beliebtes Seebad an der litauischen Ostseeküste, das angeblich einige Sehenswürdigkeiten zu bieten hatte. Die Fahrt dorthin, 'mal abgesehen vom doch überraschenden Verkehrsgewühl in Klaipeda, war wirklich toll; nun konnte ich hier, auf einer einsamen Nebenstrecke direkt an der Ostsee entlang, die entspannte Fahrt genießen und alles Neue in Ruhe aufnehmen.

In Palanga angekommen, suchte ich einen Parkplatz auf, der in meinem Reiseführer auch als Übernachtungsmöglichkeit ausgewiesen war. Dort standen nur ein paar wenige PKW und ich hatte keinerlei Probleme, mein Wohnmobil so zu parken, dass es nicht, wie so oft, noch halb auf die Durchfahrt hinausragte; immerhin weist meine "Hannelore" eine stolze Länge von 7430 Millimetern auf!

Was war jetzt dran? Richtig! Fahrrad aus der Garage holen (hatte ich seit Kiel ja nicht mehr zu Gesicht bekommen) und auf zur nächsten Fahrradtour! Ich fuhr zunächst Richtung Ostsee, zur so genannten Partymeile und zur Promenade. Von da aus ging es durch den Botanischen Garten und in einem großen Bogen wieder zurück zum Wohnmobil.

Diese Tour gefiel mir schon 'mal recht gut; vom Fahrrad aus dieses neue Land und diesen Ort zu erkunden, war natürlich deutlich einfacher als vom Wohnmobil aus. Aber wo ich auch hinkam, es fehlten überall Menschen! Die Stadt war wie leergefegt, absolut "tote Hose", wie man so schön sagt! Aufgrund der Breite der Partymeile und der Promenade sowie der Anzahl an Restaurants, Cafés und sonstigen Einrichtungen, die jetzt allesamt geschlossen waren, konnte ich mir sehr lebhaft vorstellen, wie es hier wohl im Sommer aussehen würde! Schon jetzt kam mir der Gedanke in den Sinn, dass diese Jahreszeit eventuell doch noch etwas zu früh für eine solche Reise gewesen sein könnte; später im Jahr hatte ich mir allerdings andere Reiseziele vorgenommen, die mir noch wichtiger erschienen...

Palanga gehört neben Nida auf der Kurischen Nehrung mit zu den Zentren des litauischen Fremdenverkehrs, mit Hotels, Campingplätzen und einer langen Strandpromenade mit beeindruckender Seebrücke. In einem 1897 erbauten, schlossähnlichen Gebäude, das vom Botanischen Garten umgeben ist, befindet sich heute das über die Grenzen Litauens hinaus bekannte Bernsteinmuseum.




Diese russisch-orthodoxe Kirche, die ich gegen Ende meiner Tour entdeckte, hat's leider nicht ganz auf das Foto geschafft; aufgrund ihrer eigenwilligen Bauweise und der noch abenteuerlicheren Farbgebung wollte ich sie euch hier aber nicht vorenthalten:



Nach der Rückkehr zum Wohnmobil und einer kleinen Rast fuhr ich weiter Richtung Norden. Schon etwa 20 km nördlich von Palanga traf ich auf die Grenze zu Lettland, die als solche allerdings kaum zu erkennen war. Beide Länder gehören, genau wie Estland, ja mittlerweile zur Europäischen Union (und übrigens auch zum Euro-Raum!), und es gab daher auch keinerlei Grenzkontrollen mehr. Abgesehen von ein paar anders gearteten Straßenschildern sah ich natürlich zu diesem Zeitpunkt noch keinen Unterschied zu Litauen, das ich nach kaum einem Tag schon wieder verließ.

Hin und wieder bot sich einige Gelegenheiten, einen kurzen Abstecher von der Landstraße zur Ostsee zu machen, die auch auch ein paar 'mal nutzte, so wie auch hier, etwas südlich des Pape Nationalparks:



Am späteren Nachmittag suchte mir mit Hilfe meiner Reiseführer und der bewährten Stellplatz-Apps einen geeigneten Campingplatz für die Nacht aus; ich hoffte sehr, dass ich dort nicht schon wieder verschlossenen Türen vorfand!

Der Campingplatz Verbelnieki, in der Nähe der kleinen Gemeinde Pērkone, hatte tatsächlich geöffnet; dass ich der einzige Gast war, störte mich nicht im geringsten, stellte mich allerdings auf der anderen Seite vor die fast völlig unlösbare Aufgabe, mir einen Platz auf der riesigen Wiese auszusuchen... ;-)

Wie bitte? Warum ich jetzt dort ganz hinten in der allerletzten Ecke stehe? Nun, nur dort hat man WIFI-Empfang, so die junge, freundliche Lady von der Rezeption. Was sie eigentlich meinte, war, dass der Router des Campingplatzes zufällig gerade kaputt war, ich aber das des Nachbarn, der hinter der besagten Ecke über ein hübsches Häuschen verfügte, mitbenutzen durfte; wie nett! Es stellte sich allerdings heraus, dass der Empfang im WoMo leider nicht klappte; erst wenn ich auf den kleinen Wall dahinter kletterte, ging's tatsächlich, wenn auch langsam!

Sagte ich gerade "Rezeption"? Ok, die "Rezeption" kam hier in Gestalt eines uralten Münzwechslers zum Vorschein, den ich seit gefühlten 60 Jahren nicht mehr gesehen hatte, und den die Lady wie selbstverständlich um den Hals trug! Als ich ihr einen 20-Euro-Schein gab (die Übernachtung sollte 14 Euro kosten) musste sie allerdings trotzdem erst 'mal irgendwohin laufen, um Wechselgeld zu besorgen! ;-)   



Gegen Abend machte ich noch einen ausgedehnten Spaziergang, denn das Wetter war auch jetzt noch sehr schön und sogar nicht mehr ganz so kalt wie noch morgens. Ich ging den kurzen Spazierweg durch den Wald bis zum Strand mit der imposanten Steilküste, wo ich mich eine ganze Weile aufhielt und ein viele Fotos machte...









An diesem ersten ganzen Tag im Baltikum hatte ich nun schon recht viel gesehen und auch erlebt; ich freute mich, dass bis hierhin alles glatt gelaufen ist und freute mich auf die nächsten Tage! Allerdings würde ich mich wohl auf niedrige Temperaturen einstellen müssen, so wie es bis jetzt aussah...

Kommentare:

Weißkopfadler und Gaszug - zwei Oldies on Tour hat gesagt…

Nicht nur der Bericht ist toll - auch Deine Fotos sind wirklich erste Sahne - wie man so sagt!!

Wolfgang Kölln hat gesagt…

Danke für deine Kommentare, Bernd! Ich hoffe, ihr packt dieses Reiseziel in den nächsten Jahren auch 'mal an, allerdings würde dann ich empfehlen, nicht vor etwa Mitte Mai zu fahren...