Sonntag, 30. April 2017

Zwischen Nemunas und Neris

Ich bin heute tatsächlich schon um 06:15 Uhr aufgestanden, denn für den Morgen war Sonnenschein vorhergesagt; ich wollte noch einmal zum Berg der Kreuze laufen, um ein paar weitere Fotos zu machen. Außerdem hatte ich noch etwas anderes vor.

Mein Freund Hartmut, den ich schon seit mehr als 10 Jahre durch eine Fotocommunity im Internet (fotocommunity.de) kenne und mit dem ich auch über Facebook befreundet bin, ist ein großer Kenner und Liebhaber Litauens, und er hat dieses Land im Rahmen von Hilfsgütertransporten schon sehr häufig besucht. Wegen dieser Aktionen haben 2004 einige Vertreter eines Krankenhauses am Berg der Kreuze ein Holzkreuz eingesetzt, das an die humanitäre Hilfe aus Deutschland erinnern sollte. Ich hatte ihm gestern Abend gesagt, ich würde 'mal versuchen, dieses Kreuz wiederzufinden...

Eigentlich hab' ich gar nicht so richtig daran geglaubt, es zu finden, denn nach 13 Jahren würde es möglicherweise entweder bereits verrottet oder aber von danach eingesetzten Kreuzen so zugestellt sein, dass es praktisch unauffindbar sein würde. Aber ich hatte tatsächlich Glück; durch ein Zeitungsfoto, das damals von diesem Ereignis gemacht wurde, konnte ich ein paar andere, viel markantere Schilder direkt daneben ausmachen, und die habe ich tatsächlich wiedergefunden! Das gesuchte Kreuz war dann schnell gefunden. Es war noch intakt, aber die vielen Jahre bei Wind und Wetter waren ihm natürlich anzusehen. Während es 2004 noch direkt am Weg, in der ersten Reihe stand, befand es sich nun in der 5. oder 6. Reihe, hinter Hunderten anderer, neuerer Kreuze...

Ich machte ein Foto davon und schickte es Hartmut, der sich darüber sehr gefreut und es sofort auf Facebook eingestellt hat; wer möchte, kann sich beide Fotos, alt und neu, hier ansehen.

Nach diesem "Frühsport" gab's erst 'mal ein ausgiebiges Frühstück, danach fuhr ich los zu meinem heutigen Tagesziel, der zweitgrößten Stadt Litauens, Kaunas. Die Fahrt bei schönstem Wetter war sehr angenehm, trotz des dichten Verkehrs, der kurz vor Erreichen der mehr als 300.000 Einwohner zählenden Stadt einsetzte.

Laut Reiseführer sollte es dort zwei Campingplätze geben, die zur Auswahl standen, einer davon ganzjährig geöffnet, der andere erst ab dem 1. Mai (heute ist der 30. April!). Also fuhr ich den ersten an, stand dort aber leider vor verschlossenen Toren. Hhmm... was tun?

Ich entschied mich kurzerhand, zum anderen Campingplatz zu fahren; nachdem ich schon so viele Fehlinformationen aus meinen Unterlagen in Kauf nehmen musste, könnte die angegebene Öffnungszeit ja vielleicht auch falsch sein... ;-)

Sie war es nicht! Aber als ich dort ankam und vor der Schranke hielt, kam eine junge Frau auf mich zu und begrüßte mich freundlich auf englisch. Sie sagte, der Platz würde zwar erst morgen öffnen, aber ich könne trotzdem schon heute bleiben; sie, ihr Mann sowie ihre Tochter hatten noch so einiges vorzubereiten, würden aber dann gegen 17:00 nachhause fahren und das Tor schließen. Aus diesem Grund gab sie mir während der kurzen Anmeldung einen Schlüssel für ein kleines Seitentor, damit ich die Stadt besuchen und, wenn ich wollte, eben auch nach 17:00 zurückkommen konnte.

Sowohl sie als auch ihr Mann sprachen sehr gutes Englisch, und wir unterhielten uns noch ein wenig über dies und das; auch hier wieder freute ich mich sehr über die Herzlichkeit und Offenheit, die mir von beiden entgegengebracht wurde! Der Platz war super; es fehlte an nichts, und der Betrag von 11,- EUR pro Nacht war ebenfalls völlig in Ordnung!

Nach einer kurzen Mittagspause "sattelte" ich wieder einmal mein Fahrrad (was ja schon einige Tage ausruhen durfte!) und fuhr, zuerst an einem Badesee, danach am Fluss entlang, in Richtung Altstadt, die etwa 7 km entfernt war.






Hier traf ich zuerst auf die Ruine der Burg von Kaunas; sie wurde bereits 1361 erstmals erwähnt, oft zerstört und immer wieder aufgebaut.



Direkt daneben fand eine Art Volksfest statt, wo ein Musiker-Paar die Besucher mit flotten und lauten Rhythmen erfreute; es gab allerhand Stände mit Kunsthandwerk, Trödel und auch "Fressalien".






Bevor ich die Altstadt zu Fuß erkundete, hatte ich noch ein anderes Ziel "im Visier", das ebenfalls mit meinem schon oben erwähnten Freund Hartmut zu tun hatte, nämlich die riesige Kirche Christi Auferstehung, eine römisch-katholische Basilika, die 1940 gebaut, aber erst 2004 eingeweiht wurde.

Hartmut hatte 2014 ein Foto bei Facebook gepostet, das einen Blick auf Kaunas und vor allem auf eine andere Kirche, die des Erzengels Michael, zeigte, und dazu gefragt, von wo er dieses Foto wohl aufgenommen hätte! Ich hatte damals sofort im Internet recherchiert und die Lösung gefunden: Die Auferstehungskirche besitzt eine riesige Aussichtsplattform, die man mit einem Aufzug erreichen kann und von der aus man einen wunderschöne Ausblick auf die Stadt hat! Und nun, da ich schon 'mal hier war, wollte ich natürlich nicht nur diesen Ausblick genießen, sondern auch ein ähnliches Foto machen... ;-) 












Danach fuhr ich aber endlich direkt zurück in die Altstadt, wo ich das Fahrrad wegen der holprigen Kopfsteinpflaster meistens schieben musste.

Auf dem großzügigen Rathausplatz fiel mein Blick sofort auf eine sehr hübsche Kirche, die aber gar keine war! Man glaubt es kaum, aber das nächste Foto zeigt das Rathaus von Kaunas! Sein Turm ist 53 m hoch, und wegen seiner ungewöhnlichen Form wird das Gebäude auch "Weißer Schwan" genannt. Es dient heute hauptsächlich als Standesamt ("Hochzeitspalast").









In einem der vielen Cafés legte ich eine kleine Verschnaufpause ein und gönnte mir einen leckeren Eisbecher und einen Cappuccino. Danach ging's weiter in die Fußgängerzonen und durch weitere kleinere Straßen.



Nun wurde es langsam Zeit für den Rückweg. Ich fuhr über eine Brücke nach Süden, dann am Fluss entlang nach Westen in Richtung des Campingplatzes.








In den 930 km langen Nemunas (früher Memel), der südlich von Klaipeda in das Kurische Haff übergeht, mündet direkt hier in Kaunas die Neris, die etwa 500 km Länge aufweist und in Weißrussland entspringt. Genau an diesem Zusammenfluss, an der kleinen Landspitze zwischen den beiden Flüssen, predigte 1993 Papst Johannes Paul II, als er Litauen besuchte.   






Als ich auf dem Campingplatz ankam und das verschlossene Eingangstor sah, wurde mir blitzartig abwechselnd heiß und kalt; der Schlüssel für das kleine Seitentor, den mir die junge Frau vorhin gegeben hatte, lag wohlbehütet im Wohnmobil! Ihn mitzunehmen, ist mir einfach nicht eingefallen...

Au weia, was nun???

Ich konnte die Betreiber natürlich anrufen, aber das war mir irgendwie peinlich. Ich inspizierte den etwa 2 m hohen Metallzaun, der tatsächlich lückenlos rundum den gesamten Platz führte und der vor allem nagelneu und sehr stabil wirkte. Die Spitzen der einzelnen, senkrechten Metallstäbe ragten etwa 5 cm oben heraus und sprachen eine ganz eindeutige Sprache: "Klettere hier ja nicht 'rüber, du wirst es bereuen".

Da Zäune aber nicht sprechen können, wagte ich es trotzdem; ich holte mein Fahrrad, stellte es am kleinen Tor gegen den Zaun und stieg dann auf den Gepäckträger und den Sattel (hoffentlich geht das gut...). Nun konnte ich mich noch etwas hochziehen (ich hatte wegen der spitzen Metallstäbe Handschuhe angezogen, die ich immer dabei habe) und das rechte Bein über den Zaun schwingen. Irgendetwas tat plötzlich ziemlich weh! Es nützte aber nichts, nun musste ich hinüber! Nachdem ich das zweite Bein auch endlich auf der anderen Seite hatte, musste ich mich langsam herunterlassen; die Füße hatten allerdings nirgendwo richtigen Halt. Ich kam trotzdem einigermaßen glücklich unten an (hoffentlich hat mich niemand dabei beobachtet), lief zum Wohnmobil und holte den Schlüssel. Halleluja, das war geschafft!

Während ich mich im WoMo bei einem winzigen "Belohnungs-Bierchen" erholte, fiel mir wieder der Schmerz von vorhin ein, und ich stellte mit einem neuen Schrecken fest, dass meine Jeans einen schlimmen Riß abbekommen hat! Nun trägt man heutzutage ja ganz gerne Jeans mit Löchern, aber genau im Schritt???

Gleichzeitig kam mir aber auch die Erkenntnis, dass ich hier wirklich sehr viel Glück hatte! Ein paar Zentimeter weiter, und ich würde nun im Mezzosopran singen... ;-)

Samstag, 29. April 2017

Am Berg der Kreuze

Und weiter geht's mit meiner abenteuerlichen Wohnmobilreise durch das Baltikum, ab jetzt wieder in Grobrichtung Süden!

Gestern morgen habe ich Tallinn verlassen, um über Pärnu (früher: Pernau) und Salacgrīva, das ja bereits in Lettland liegt, den bekannten Gauja-Nationalpark zu erreichen, den ältesten und mit 920 ha größten Nationalpark Estlands; dort traf ich gegen 16:00 Uhr ein.

In der Nähe der Gemeinde Raiskums fand ich den Campingplatz Apalkalns Kempings, auf dem pro Nacht 12 Euro zu zahlen waren; alles, was man so auf einem Campingplatz erwartet, war dort zu finden. Es gab großzügige Stellplätze, Hütten und moderne, funktionale Anlagen; die Anlage liegt außerdem noch an einem hübschen kleinen See. Hier gab's nichts zu bemängeln, bis auf... naja, bis auf die Tatsache, dass ich 'mal wieder der einzige Gast war! Nachdem die Betreiber, Mutter und Tochter, beide supernett, um 17:30 die Anlage verlassen hatten, war ich sogar der einzige Mensch weit und breit! Irgendwie schon ein bisschen gruslig und wenig spannend, aber mittlerweile kannte ich das ja schon...

Ich machte einen langen Spaziergang um den Platz herum, am See entlang und über ein paar matschige Äcker wieder zurück, danach machte ich es mir bequem und legte ausnahmsweise 'mal einen ausgiebigen Fernsehabend (mit Bier und Chips ;-) ein.  

Bis jetzt hatte ich in den großen Städten immer sehr viel Glück mit dem Wetter gehabt; offensichtlich musste in den Zeiten dazwischen wohl irgendeine Art Ausgleich stattfinden, damit das so klappte, denn gestern fuhr ich den gesamten Vormittag durch dichten Nebel, der das Fahren extrem anstrengend machte. Am Nachmittag verschwand der Nebel endlich, aber nur, um einem Dauerregen Platz zu machen, der sich hier auch heute Morgen noch sehr wohl zu fühlen schien! Meine ursprüngliche Absicht, hier im Nationalpark etwas zu wandern oder Fahrrad zu fahren, musste ich leider komplett aufgeben. Ich entschloss mich deshalb, weiterzufahren und mich meinem nächsten Ziel zu widmen, bei dem ich ausnahmsweise 'mal nicht so sehr vom Wetter abhängig sein würde.

Damit meine ich das wohl zu fast jeder Baltikumreise gehörende Schloss Rundāle, ein seit 1920 im lettischen Staatsbesitz befindliches Barockschloss, das auch das Versailles des Baltikums genannt wird. Es liegt in der Nähe der kleinen Stadt Bauska.

Es regnete leider immer noch, und der Sandparkplatz, auf dem tatsächlich 'mal ziemlich viel Betrieb war, sah aus wie nach einer Schlammschlacht! Von dort aus geht man ca. fünf Minuten zum Schloss, das schon von außen einen wirklich bemerkenswerten Eindruck vermittelt.

Der Eintritt ist meiner Meinung nach mit 6,- EUR vergleichsweise günstig; im Schloss gibt es sehr viel zu sehen, und die aufwändigen und hübschen Gartenanlagen (auf die ich heute aber irgendwie gar keine Lust hatte ;-) waren ebenfalls im Preis eingeschlossen.






Im Eingangsbereich verpasst man jedem Besucher diese supermodischen blauen Plastikschuhe, damit die Böden geschont wurden; sieht irgendwie eigenartig aus... ;-)



Das zweistöckige Schloss besteht aus drei Flügeln und beherbergt auf etwa 7.000 qm insgesamt 138 Zimmer und Säle. Die Ausstellung beinhaltet Exponate aus vier Jahrhunderten, u.a. Möbel, Porzellan, Silber, Gemälde und andere Hinterlassenschaften der kurländischen Herzöge.












Die reich und sehr festlich gedeckten Tische faszinieren mich immer ganz besonders bei derartigen Besuchen; alles wirkt sehr authentisch, und man hat das Gefühl, jeden Augenblick kämen die hohen Herrschaften zur Tür hereinspaziert... 






Zufälligerweise fand hier gerade eine Veranstaltung statt, bei der auch "normalsterbliche" Besucher zuschauen durften. Ich erlebte ein echt tolles Konzert von sehr begabten, jungen Musikern und Musikerinnen. Einige Solisten und Solistinnen, manche von ihnen noch sehr jung, trugen ihre Stücke an verschiedenen Instrumenten vor und ernteten danach ihren wohlverdienten Applaus!






Diese junge Lady spielte ein klassisches Stück auf dem Flügel so kraftvoll und ausdrucksstark, dass es mich fast vom Hocker fegte; schon nach 10 Sekunden war ich in sie verliebt! Der tosende Beifall und die sehr herzlich wirkende Gratulation des Orchesterleiters rührten sie wiederum so sehr, dass ihr sogar ein paar Freudentränchen von den Wangen kullerten...  



Irgendwann war es schließlich Zeit, das lohnenswerte Schloss und die gesamte Anlage zu verlassen und weiterzufahren. Kurz vor der Grenze zu Litauen tankte ich ein zweites Mal während dieser Reise und fuhr dann zu meinem zweiten Tagesziel für heute, dem ebenso bekannten Berg der Kreuze.

Es handelt sich dabei um einen katholisch und überwiegend touristisch geprägten Wallfahrtsort mit sehr bewegter Geschichte, etwa 12 km nördlich des kleinen Ortes Šiauliai. Die Bezeichnung "Berg" ist ein bisschen übertrieben, denn er ist gerade 'mal 10 m hoch; eine schmale Holztreppe führt über einen sattelförmigen Hügel. Pilger pflegten hier früher Kreuze aufzustellen und verbanden damit häufig einen Wunsch oder einen Dank für etwas, was ihnen wichtig war. Das hat sich im Lauf der Zeit derartig verselbstständigt, dass es heute auf dem Hügel und auf dem etwa 1 ha großen Areal um ihn herum weit mehr als 50.000 Kreuze gibt; irgendwann vor vielen Jahren hatte man einfach aufgehört, sie zu zählen.

Am endlos langen Parkplatz erkennt man bereits, wie groß der Andrang hier im Sommer sein kann; jetzt standen hier nur eine Handvoll PKW, und meine "Hannelore" wäre wieder 'mal der Hingucker, wenn es denn genügend Hergucker gäbe.

Man konnte hier auch über Nacht stehen bleiben, da die Parkgebühr von sage und schreibe 2,90 EUR für 24 Stunden galt. Weil ich erst am Nachmittag hier ankam, dachte ich mir, ich nutze das aus und bleibe einfach hier. Sollte es so sehr regnen, dass ich den erst des Tages im WoMo verbringen müsste, würde sich vielleicht am nächsten Morgen noch eine weitere Gelegenheit ergeben, den "Berg" zu besichtigen und Fotos zu machen.

Das war allerdings nicht notwendig; das Wetter hatte sich etwas beruhigt, und es gab abwechselnd Sonnenschein und ab und zu auch 'mal ein bisschen Nieselregen, der aber zu vernachlässigen war. Es war allerdings "lausig" kalt! Ich spazierte also los und machte Fotos über Fotos; hier eine nur kleine Auswahl meiner Ausbeute...


















An manchen Stellen gleicht dieser Platz eher einer Müllhalde als einem Wallfahrtsort; die Kreuze, die fast allesamt aus Holz bestehen, sind über die Jahre natürlich auch der Witterung ausgesetzt, fallen irgendwann um und rotten dann vor sich hin...












Für die verwitterten oder verrotteten Kreuze gibt's im Bereich des Parkplatzes natürlich sofort Ersatz. Neben vielen anderen Souvenirs werden hier von jedem der "fliegenden Händler" Holzkreuze in jeder Form und Größe angeboten.




Donnerstag, 27. April 2017

Tallinn - Hotspot oder Mittelalter?

Ich habe ausgezeichnet geschlafen und freute mich nach dem Aufstehen über das schöne Wetter. Der Parkplatz war gestern Abend fast leer und füllte sich jetzt am Morgen so langsam wieder. Während des Frühstücks konnte ich die vielen Leute beobachten, die hier ihr Fahrzeug parkten und entweder zur Arbeit gingen oder vielleicht ja auch, um mit irgendeiner der vielen Fähren zu verreisen.

Tallinn wurde bereits im Mittelalter gegründet und und bietet heutzutage mit etwa 430.000 Einwohnern einen gelungenen Mix aus Alt und Neu. Die Hauptstadt Estlands besitzt eine der weltweit am besten erhaltenen Altstädte aus der Hansezeit. Die Neustadt, auch nur ein paar Schritte von meinem Parkplatz entfernt, ist ähnlich kompakt wie die Altstadt und bietet als Geschäftszentrum moderne Hochhäuser, Luxushotel, trendige Stadtviertel und große Einkaufszentren. Neben dem riesigen Fähr- und Kreuzfahrtterminals findet man an der Ostseeküste auch superschöne Promenaden und tolle Strände, was den Freizeitwert dieser attraktiven Stadt ebenfalls bereichert.

Die Altstadt, die seit 1997 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, ist in die so genannte Unterstadt mit dem Rathausplatz und dem Rathaus als Zentrum sowie den höher liegenden Domberg gegliedert; beides wollte ich mir heute 'mal etwas genauer anschauen. Ich machte mich also auf den Weg; die Stadtmauer mit dem nördlichen Tor ist nur ein paar Gehminuten von meinem Parkplatz entfernt.

Die 14 bis 16 m hohe Stadtmauer, von der noch immerhin etwa 2 km erhalten sind, sowie 20 der ursprünglich 46 runden Wehrtürme verleihen der Stadt heute einen fast märchenhaft mittelalterlichen Charakter.






Ich betrat die Altstadt durch das nördliche Tor (Die große Strandpforte) mit seinem wehrhaften Geschützturm (Die Dicke Margarethe), der die Stadt vor Angriffen von der Seeseite aus beschützen sollte.  



Im Inneren erwarten einen schmale, meist kopfsteingepflasterte Gassen und die vielen hanseatischen Kaufmannshäuser aus dem 16. Jahrhundert, an denen man sich kaum sattsehen kann. 






Wie in Riga gibt es auch in Tallinn ein Schwarzhäupterhaus, was aber zurzeit leider komplett eingerüstet war und von dem man eigentlich nur das unten abgebildete Eingangsportal sehen konnte. Es wurde um 1597 im Stil der niederländischen Renaissance errichtet.



Die sehr hohe Anzahl an kleinen Läden, Galerien, Ateliers, aber auch Antiquitätenläden läddt immer wieder zum Anhalten und zum Stöbern ein; in Schaufenstern wie dem hier gezeigten z.B. muss man sich förmlich alle Gegenstände ganz genau ansehen! Auch dadurch fühlt man sich urplötzlich in eine ganz andere Zeit zurückversetzt, wenn auch nicht gleich ins Mittelalter... ;-) 



Auf dem sehr großen und zentral gelegenen Rathausplatz reiht sich ein Restaurant oder Café neben dem anderen; man hat die Qual der Wahl, wenn man sich eine Pause gönnen möchte. 



Tallinns Rathaus, eines der Wahrzeichen der Stadt, zwischen 1402 und 1404 im spätgotischen Still erbaut.



Bei so einem einladenden Anblick kann auch ich nur selten widerstehen; es war mit etwa 8 - 9 Grad zwar nicht gerade warm, aber das Wetter war um diese Zeit immer noch sehr schön, sodass ich beschloss, hier eine kleine Mittagspause einzulegen, obwohl es eigentlich noch etwas zu früh dazu war. Genügend Hunger hatte ich aber schon... ;-)






Ich bestellte neben einem erfrischenden Bier eine landestypische Soljanka, übrigens die erste in meinem Leben! Das war jetzt genau das richtige, wie ich kurz darauf feststellen durfte, absolut oberlecker!



Nach dem Essen erkundete ich weitere Gassen rund um den Rathausplatz und fotografierte wohl bald jedes Gebäude... ;-)






Falls einem 'mal die Schimpfwörter ausgehen sollten, findet man hier praktischerweise gleich ein paar Anregungen in Form von Schildern an den Häuserwänden... ;-) Nee, Spaß beiseite, dieser Wegweiser bezieht sich auf die beliebte Aussichtsplattform oben auf dem Domberg, von der aus man einen tollen Ausblick auf die Altstadt hat. Piiskop ist estnisch und bedeutet Bischof.



Ich spazierte also auf den Domberg und traf dort erneut auf eine russisch-orthodoxe Kirche, die 1894 bis 1900 erbaute Alexander-Newski-Kathedrale mit ihren weit sichtbaren Zwiebeltürmen. Sie wurde als Sinnbild für die Russifizierung Estlands aufgestellt, wodurch sie den Bewohnern Tallinns damals lange Zeit ein Dorn im Auge war. Heute gilt sie als ein weiterer touristischer Anziehungspunkt der Stadt. Zweifellos handelt es sich hier um ein interessantes und sehenswertes Gebäude, aber ich muss gestehen, dass mir die anderen drei Exemplare einer russisch-orthodoxen Kirche, die ich bisher gesehen hatte, allesamt besser gefallen hatten; diesem Bau fehlte irgendwie ein Art Persönlichkeit, finde ich... 



Schließlich erreichte ich die bereits erwähnte Aussichtsplattform in der Oberstadt. Ich kann das, was in den Reiseführern versprochen wird, hier nur absolut bestätigen! Wer Tallinn besucht und hier oben nicht gewesen ist, dem ist das wohl Schönste leider entgangen! Von hier aus blickt man auch auf den Hafen und die vielen Fähren. Wenn man Glück hat, liegen gerade mehrere Kreuzfahrer am Terminal; Tallinn ist bei allen Ostsee-Kreuzfahrten ein absolut beliebtes Reiseziel.



Ein weiteres Wahrzeichen der Stadt, der auf dem Domberg gelegene Tallinner Dom.



So langsam taten mir nun die Füße weh, am frühen Nachmittag bezog sich der Himmel immer mehr und es wurde ziemlich kalt; hin und wieder gab es sogar einen kleinen Regenschauer. Ich trat daher den Rückweg an und machte eine etwas größere Pause im Wohnmobil.

Später brach ich dann zu meiner zweiten Erkundung auf, wieder zu Fuß; jetzt wollte ich mir Teile des Stadtzentrums in der Neustadt anschauen, in der übrigens flächendeckend superschnelles WLAN zur Verfügung steht!

Sehenswert ist auf jeden Fall das Rotermann-Viertel, hier stehen "wiederbelebte" Industriegebäude neben hochmoderner Architektur auf engstem Raum zusammen; viele Geschäfte, Restaurants, Kinos beleben diesen Stadtteil, vor allem junge Leute halten sich gern dort auf.






Als ich nach etwa zwei Stunden wieder zum Hafen und zu meinem Wohnmobil zurückkam, hatte sich das Wetter inzwischen gebessert; ich genoss die friedliche Atmosphäre am Wasser und freute mich wieder einmal über einen abwechslungsreichen und sehr interessanten Tag! Und jetzt mache ich mir ständig Gedanken darüber, was ich denn nun eigentlich schöner fand, Riga oder Tallinn...