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Freitag, 10. Juni 2016

Von Oslo nach Bergen

Die beiden ersten Fahrtage von Oslo nach Bergen waren schon ’mal der Hammer! Ich glaube, der besonderen Schönheit der norwegischen Landschaft kann sich wohl niemand entziehen…

Bereits am Mittwochabend, nachdem ich nach meiner Ankunft in Oslo noch den Frogner-Park besucht habe, fiel bei mir die Entscheidung, dieses Mal auf einen ausführlicheren Besuch der Stadt zu verzichten und dafür lieber mehr Zeit für die landschaftlich reizvolleren Teile des Landes zur Verfügung zu haben! Ursprünglich war ja Oslo als Ausgangsstation sowieso nicht vorgesehen; ich wollte eigentlich mit der Fähre vom dänischen Hirtshals nach Kristiansand fahren und meine Reise im Süden Norwegens beginnen. Durch ein Frühbucherschnäppchen, das ich im Januar im Internet entdeckt habe, konnte ich aber für nur 80 Euro von Frederikshavn nach Oslo übersetzen; für diese Strecke muss man normalerweise 200 bis 300 Euro bezahlen!

Nach einer erholsamen Nacht, einer kleinen „Katzenwäsche“ und einem leckeren Frühstück konnte ich mich gestern also voller Erwartung auf meine lange, lange Reise begeben…

Zunächst ging es auf der als Autobahn ausgebauten E16 Richtung nach Drammen, danach auf der E134 immer „gen Westen“; auf dieser Straße sollte ich für den Rest des ersten Tags bleiben. Als Ziel hatte ich mir den kleinen Ort Røldal ausgewählt, der in einem sehr hübschen, tief eingeschnittenen Tal liegt, und der über mehrere Campingplätze verfügt.

Die E134 ist eine der wichtigsten norwegischen Straßenverbindungen und geht im Osten von Drammen nach Haugesund im Westen. Sie wird auch Haukelivegen genannt und führt über das fast 1.700 Meter hoch liegende Haukelifjell, auf dem das ganze Jahr über Schnee liegt.


Die ersten ein bis zwei Stunden vergingen wie im Flug; es ging ja erst einmal darum, die Umgebung der norwegischen Hauptstadt ohne größere „Blessuren“ zu verlassen.

Es herrschte dichtes Verkehrsgewühl und ich musste mich an verschiedene Eigenarten der fremden Verkehrsführung und auch an die Fahrweise der anderen Autofahrer gewöhnen. Nach der Abzweigung auf die E134, die durchweg gut ausgebaut ist, wurde es dann nach und nach ruhiger; vor allem führte die Strecke jetzt so richtig in die Berge und ich konnte mich kaum sattsehen. Dabei könnte man die gesamte Strecke des ersten Tages eigentlich noch als eher „langweilig“ bezeichnen, wenn man bedenkt, welche landschaftlichen Höhepunkte noch auf mich warten würden…

Nach einer sehr abwechslungsreichen, aber trotzdem entspannten Fahrt, bei der ich auch einen kurzen Stopp bei der Stabkirche von Heddal eingelegt habe, kam ich am Nachmittag in Røldal an.



Die Beschreibungen dieses Gebiets in verschiedenen Reiseberichten, die ich während meiner Reisevorbereitungen gelesen hatte, waren wirklich nicht übertrieben!

Mein Campingplatz (Seim Camping Røldal) verfügt über eine riesige Wiese, mit tollem Blick auf einen großen See, umgeben von hohen Bergen mit sehr viel Grün und einigen Wasserfällen; alles wie aus dem Bilderbuch! Da ich relativ früh ankam, hatte ich bzgl. des Stellplatzes „die Qual der Wahl“.



Neben mir stand, mit geöffneter Motorhaube, ein Wohnmobil aus Kiel, ein Rentner sowie sein Hund, alle drei älteren Semesters. Er erzählte mir (der Rentner, nicht der Hund), dass er ebenfalls zum Nordkap reisen wolle, sich dafür aber drei bis vier Monate Zeit nehmen würde, um später auch die Polarlichter genießen zu können. Allerdings streikte jetzt sein Wohnmobil, es sprang nicht mehr an. Er hatte schon den ADAC verständigt, der ihm mitteilte, dass ein Mechaniker unterwegs sei und in ca. ein bis zwei Stunden eintreffen müsste. Der kam dann (nach drei Stunden!) tatsächlich auch, brachte den alten „Zossen“ wieder zum Laufen (das Wohnmobil, nicht den Mann), allerdings lief nun dessen Motor, als gäbe es kein Morgen, d.h. auch dann noch, wenn man die Zündung ausschaltete! Der Kieler musste nun notgedrungen in aller Eile seine Sachen zusammenpacken (und das waren deutlich mehr als sieben, die er auf seine Parzelle „verstreut“ hatte) und verließ ziemlich hektisch den Platz, um nach Odda, ca. eine Stunde entfernt, zu einer Werkstatt zu fahren, um den offensichtlich defekten Magnetschalter reparieren zu lassen. Fast hätte er vor lauter Aufregung noch seinen treuen Begleiter vergessen (seinen Hund, nicht das Wohnmobil)…

Ich genoß den ersten Abend meiner Rundreise in einer traumhaft schönen Umgebung bei bestem Wetter; nach dem Abendessen machte ich noch einen kleinen Spaziergang, da ich ja fast den ganzen Tag fahren musste. Schon hier merkte ich, dass die Dämmerung deutlich später einsetzte als zuhause; die Sonne war allerdings wegen der hohen Berge eher verschwunden…

Heute morgen ging es früh weiter, Richtung Bergen. Je weiter ich nach Westen kam, umso häufiger fuhr ich an ersten kleineren Fjorden vorbei; die Straßen waren teilweise abenteuerlich eng und man musste wirklich jede Sekunde auf den Gegenverkehr aufpassen. Trotzdem war es wieder eine sehr reizvolle Fahrt; die Landschaft auf der Strecke konnte meine Eindrücke von gestern locker toppen!


Irgendwann fuhr ich über eine gewaltige Brücke und danach sofort in einen etwa sieben Kilometer langen Tunnel; direkt an dessen Ausgang bog ich auf die E7 ab, die kurz vor Bergen endet. Diese Straße wurde mir in einem Reiseführer schon als etwas problematisch „vorgestellt“; sehr lange Passagen sind in gutem Zustand und breiter, als es der Blick auf die Karte vermuten lassen würde. Manche Stellen aber sind sehr eng und daher nur in einer Richtung zu befahren; z.T. führen diese Engstellen auch noch durch sehr spärlich beleuchtete Tunnel, so dass hier der ein oder andere Wohnmobilfahrer hier schon mehr als einmal seinen linken Außenspiegel hergeben musste…

Ich war sehr gespannt, was mich da nun wirklich erwarten würde; meine Überraschung war deshalb groß, als ich kurz nach Beginn der E7, ich glaube, der Ort hieß Granvin, plötzlich anhalten musste! Vor mir standen bereits einige Fahrzeuge sowie ein „flag man“, wie man in den USA sagen würde, also jemand „Offizielles“ mit einer roten Kelle, der einen unmissverständlich zum Halten aufforderte. Später erfuhr ich, dass man wegen der vielen Unfälle auf dieser Strecke dazu übergegangen ist, den schwierigsten Teil seit geraumer Zeit nur noch in einer Richtung befahren zu lassen. Ein Führungsfahrzeug (hier heißt das „Ledebil“) führt den gesamten Tross an, ein anderes bildet den Abschluss. So wird der gesamte Konvoi sicher durch die Engstellen geleitet, während auf der anderen Seite alle anderen warten müssen; dies hat natürlich nun den Vorteil, dass die Fahrt wesentlich schneller vonstatten gehen kann, als wenn man mit Gegenverkehr rechnen müsste, allerdings handelte es sich um um eine Passage von sage und schreibe 40 Kilometern! Man kann sich vorstellen, wie lange man warten muss, wenn man den Beginn dieses Bereichs erreicht und der Konvoi aber gerade vor einer Minute abgefahren ist…

Dieses „Spielchen“ musste ich dann noch einmal über mich ergehen lassen, dort brauchte ich allerdings nur ca. 10 Minuten warten und die geführte Strecke war auch nur etwa 5 Kilometer lang.

Auf jeden Fall kam ich dadurch natürlich deutlich später in Bergen an, als ich es eigentlich gehofft hatte; der anvisierte Wohnmobilstellplatz, direkt in der Stadt an der Eishalle Bergenshallen gelegen, war leider „rappelvoll“, also musste eine Alternative her.

Mein spezieller Reiseführer (übrigens der Süd-Norwegen-Band aus der wohl allen WoMo-Fahrern bekannten Reihe „Mit dem Wohnmobil nach…“ vom WoMo-Verlag) hatte glücklicherweise noch einige weitere Plätze parat, natürlich etwas außerhalb der Stadt.

Ich entschied mich für einen kleinen Parkplatz direkt an einer kleinen Mole und einer Badestelle, etwa 15 Kilometer von Bergen entfernt. Hätte ich gewusst, wie schön es dort ist, wäre ich von vornherein dort hingefahren! Außer mir stand dort kein anderes Wohnmobil, nur ein altes, fast verrottetes Schiff; hin und wieder kamen ein paar Jugendliche vorbei.


Abends fand eine Veranstaltung in unmittelbarer Nähe statt, daher kamen immer wieder mal ein paar Gäste vorbei, die wohl die Ruhe hier an der Mole suchten und die aufgrund ihres Alkoholpegels die frische Luft wohl dringend benötigten. Eine junge Frau mit einer schneeweißen Jeans kam gegen 23:00 Uhr mit einem schicken Sportwagen angerauscht, setzte sich auf ein paar moosbewachsene, meiner Ansicht nach ziemlich glitschige Steine direkt am Wasser, telefonierte exakt 34 Minuten, während der sie auf ihren unsichtbaren Gesprächspartner sehr eindrücklich und gestenreich einredete, stand auf und verließ innerhalb einer Minute die Bühne… ähm… die Mole. Zu dieser Zeit war es immer noch taghell!

Was man so alles an so einer Stelle beobachten kann, ist absolut spannend und kurzweiliger als jeder Krimi! Erstaunlich ist, dass alle Beteiligten mein Wohnmobil mit keinem einzigen Blick beachteten, so als wäre es Luft…

Irgendwann kam ich dann auch zur Ruhe und ging zu Bett. Den Abend über hatte ich immer wieder überlegt, wie ich den Besuch morgen in Bergen gestalten sollte; mit dem Fahrrad dort hinzufahren, war mir einfach zu weit und zu umständlich und über die Verkehrsverbindungen in meiner Umgebung wusste ich rein gar nichts. Ich verschob diese Entscheidung also auf morgen…

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